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Die Nacht, in der ich 100 km älter wurde

Marie Hölting berichtet von ihrem Start beim Bottroper Ultralauf Festival und einem ganz besonderen Geburtstag

Am vergangenen Wochenende trafen sich die Spezialisten der Deutschen Ultralauf-Szene im Volkspark Batenbrock, um die Meister im 6-, 12- und 24-Stunden-Lauf zu ermitteln. Während Adler-Langlauf Bottrop einmal mehr seine Qualitäten als Ausrichter von Laufveranstaltungen unter Beweis stellte, sicherte sich die Bottroperin Marie Hölting den Silberrang im 12-Stunden-Lauf. Das eindrucksvolle Ergebnis: 102,6 Kilometer! Wie es ihr dabei erging, das berichtet die 25-Jährige in einem ausführlichen Blog-Eintrag.

Erschöpft, aber glücklich nach 102 Kilometern.

Als ich Familie und Freunden die Erwägung unterbreitet habe, beim Bottroper Ultralauf Festival zwölf Stunden, und damit in meinen Geburtstag hineinzulaufen, war den meisten schon klar, dass es viel weniger eine Überlegung als ein fester Plan war. Auch wenn die Anmeldung dann doch eher kurzfristig erfolgte (weil ich ein Last-Minute-Melder bin), war der Entschluss doch schon für einige Wochen gefasst. Als ich mich schlussendlich anmeldete, bekam ich von Michael Irrgang eine Rückmeldung mit dem Hinweis: Von 50km auf 12h ist schon ein großer Schritt! Na, das macht doch Mut!

Mein Plan!

Dass meine Ultralauferfahrungen überschaubar sind (zwei mal 50km-Wettkämpfe mit einer PB von 4h35min), ist mir durchaus klar. Andrerseits habe ich auch keine großen Erwartungen gehabt, sondern wollte vielmehr ausprobieren, wo die persönlichen Grenzen sind. Wenn ich im Training 50km laufe ist danach eher der Terminkalender der limitierende Faktor. Wo kommt der Punkt, an dem die Beine nicht mehr einfach weiterlaufen wollen?

Familie und Freunde wurden also eingeladen, in der Nacht meines Geburtstags in den Volkspark Batenbrock zu kommen. Unter anderen Umständen nicht meine favorisierte Party-Location, aber nun mal der Ort, an dem ich wohl Geburtstag haben würde. Am Samstag wurde Kuchen gebacken und kohlenhydratreich gegessen, das Ausschlafen hat leider nicht geklappt.

Lauf für den guten Zweck

Ihren "Geburtstagslauf" über mehr als 100 Kilometer kombinierte Marie Hölting auch mit einem Spendenaufruf. Pro gelaufenem Kilometer bat die 25-Jährige um eine 10 Cent Spende an die Deutsche Parkinson Vereinigung. Spendenmöglichkeit: aid2people

Wenn andere Grillen

Als ich dann abends um 18 Uhr am Park ankam, waren die 6h-Läufer gerade fertig. Eine faszinierende erste Frau hatte in den 6h unglaubliche 75,595km abgerissen, Susanne Gölz hatte mich schon im August beim Regattabahn Ultra vollkommen begeistert. Ich stellte meine Sachen am Camp von Andre ab, einem befreundeten Ultraläufer, der im Rahmen des 24h-Laufes schon mitten in seinem Wettkampf war. "Bist Du jetzt nervös, Marie?", seine Frage. Nein war ich nicht, denn ich hatte ja nichts zu verlieren. Kein Ziel, einfach nur Lust auf eine spannende Erfahrung. Plan B war, einfach bis um Mitternacht zu laufen und nach dem Anstoßen mit der Famillie nach Hause zu fahren. "Ich bin hier, um Spaß zu haben. Nicht um mich zu quälen."

Vor dem Start war die Atmosphäre doch eine ganz besondere. Die 24h-Läufer hatten Zelte und Verpflegungspunkte auf einer dafür begrenzten Teilstrecke der 1,25km-Runden aufgeschlagen, ein riesiger Verpflegungspunkt bot alles, was das Ultrläuferherz begehrt und die Zuschauer konnten in der Parkcafeteria Pizza und Bratwürstchen kaufen, die sie auf Bierbänken an der Strecke verzehrten.

An der Zählmatte war eine riesige Leinwand mit aktuellen Rennergebnissen, deren Sinn ich später erst verstehen sollte und an der Startlinie traf ich einige bekannte Gesichter. Es wurde über tiefe Startposition und mangelnde Startblöcke gewitzelt. Aus Unterhaltungen konnte man verrückte Ultralauferfahrungen der anderen Starter entnehmen. Naja, wird schon schiefgehen.

Erstmal ein Marathon

Mein Grundgedanke war, bis zu meinem Geburtstag 42,195km gelaufen zu sein. Wenn es mir danach noch gut gehen würde, wollte ich 25km dranhängen als laufender Start in das 25. Lebensjahr. Die ersten 30km liefen wie am Schnürchen. Deutlich unter einem 6er Schnitt, als erste Frau und Alterklassenerste unterwegs, wie ich dem Live Ticker auf der Leinwand entnehmen konnte, als ich nach den ersten 17 Runden endlich die Auflistung durchschaut hatte (im Laufen zu Lesen ist nicht so einfach, erst recht nicht für Blindfische!). Ein wenig verrückt war das Gefühl als die Dämmerung begann und wir wussten, der Lauf ist nicht zu Ende, sondern fängt gerade erst an. Ich bin schon oft im Dunkeln laufen gegangen aber noch nie in die Dämmerung hinein gestartet mit dem Wissen, auch den Sonnenaufgang noch laufend zu sehen. Der Geruch von Grillgut aus angrenzenden Gärten und milde Temperaturen konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass der Herbst naht. Feuchte Luft, frühe Dunkelheit und ein schlagartiges Absinken der Temperaturen zeichneten das klarere Bild, schon wenige Runden nach dem Verschwinden der Sonne musste ich eine Jacke überziehen.

Nach km 30 begannen Magenprobleme, irgendwann ließen sich Toilettenbesuche nicht mehr vermeiden. Nach den ersten beiden sprach mich Michael Irrgang an: "Alles in Ordnung, Marie? Du warst am Anfang super unterwegs!" Den Platz als erste Frau hatte ich nach dem zweiten Klo-Stopp eingebüßt. Ich berichtete von meinen Schwierigkeiten und bekam ab da in jeder Runde Kamillentee angeboten. So lieb!

Der Körper streikt?

Leider hat auch das nicht verhindert, dass ich in jeder der folgenden Runden einen Abstecher zum Dixie machen musste. Ich habe also nur noch im Gehen getrunken und versucht, auf die Atmung zu achten. Fehleranalyse. Was war das Problem? Die Apfelschorle? Das Energiegetränk? Haribo und Salzbrezel habe ich bisher immer vertragen. Vielleicht war das in-der-Nacht-Laufen das Problem für meinen Körper. Ich weiß es nicht. Fakt ist, dass ich einige Male ans Aufhören gedacht habe. Mit krampfendem Magen zu laufen ist die eine Sache, aber den Kopf in verschmutzte Dixie-Klos im Dunkeln zu tauchen, ist wirklich keine Freude. Andre verriet mir irgendwann, dass es auch richtige Toiletten gab. Diese positive Wendung und das Wissen, dass um halb zwölf meine Lieben auftauchen würden hielten mich in Bewegung.

Eine Runde schaffe ich noch!

Als um halb zwölf die ersten Angehörigen eintrudelten, habe ich ein paar kurze Pausen gemacht. Leute begrüßt, ein paar Worte gewechselt. Trotzdem wollte ich bis kurz vor 12 weiterlaufen, den Marathon längst in der Tasche und abgesehen von undulierend auftretenden Magenkrämpfen, die stets auf der Toilette endeten, hatte ich keinerlei Beschwerden. Leichte Beine, die rennen wollten, solange der Rumpf sie ließ. Um zehn Minuten vor Mitternacht waren alle an Andres Camp versammelt, Kuchen und Sekt standen in der Dunkelheit bereit, auch wenn ich meine Liebsten aufgrund der Lichtverhältnisse nur an Stimmen und Geruch auseinanderhalten konnte. "9 Minuten hast Du noch"- das war für mich die Aufforderung aus 49km und ein paar Zerquetschten doch noch 50km in unter 5 Stunden zu machen.

Happy 25!

Gesagt, getan. Eine Runde in 5er Pace, sodass ich pünktlich zu meinem Geburtstag wieder am Treffpunkt war. Es gab die Kuchen, die ich am Morgen gebacken hatte, Sekt und ein Geburtstagsständchen im Dunkeln. Alkohol und Süßigkeit in Kälte und Dunkelheit zusammen mit beleuchteten Zelten in der Nähe gaben dem ganzen etwas Weihnachtsmarktatmosphäre. Ich freute mich über die Menschen, die mitten in der Nacht für mich den Weg in den Park gefunden hatten und aß trotz Magenproblemen drei Stücke Kuchen, auch in der Hoffnung die Glukoseverfügbarkeit wieder erhöhen zu können.

Sorry guys, I have to run

Gegen 0:15 Uhr kam Michael vorbei und fragte, warum ich nicht mehr lief. "Wir haben uns schon gefragt, warum Du gar nicht mehr vorbeikommst. Wir warten auf Dich!" Geburtstag galt aber als Ausrede und so verweilte er eine Weile bei uns und bekam ein Stück Kuchen ab. Spätestens um 0:30 Uhr hatten dann aber alle bemerkt, dass ich mit den  Hufen scharrte. "Marie will weiterlaufen!" In der Tat, das wollte ich. Antesten, was der Magen sagt, schauen was die Nacht noch bringen würde. Ich war neugierig und kein Stück müde. Noch über sechs Stunden bis zum Ziel. Verrückt!

Kälte, Mond und Sterne

Also lief ich weiter. Der Wiedereinstieg lief besser als erwartet, die Beine hatten mir die halbe Stunde Pause nicht allzu übel genommen. Sie fühlten sich fast genauso an, wie bei km 50. Eine weitere Stunde musste ich jedoch noch mit Magenproblemen kämpfen. Eine weitere Stunde, in der ich mich durch das gesamte Teerepertoire des Verpflegungspunktes probierte und überlegte, was zur Hölle genau das Problem für meinen Magen war. Eine Stunde, in der ich von Runde zu Runde nur ein Ziel hatte: Nicht mehr als einen Toilettenstop auf den 1,25km. Ich lief wie in Trance. Darum bemerkte ich kaum, als nach km 60 die Beschwerden verflogen. Auf einmal war alles wunderschön. Ich hatte den Kopf frei, keinen einzigen Gedanken an irgendwas. Ich wusste nicht mehr, wie weit ich gelaufen war oder wie spät es geworden war. Es war kalt, aber ich wollte nicht noch mehr anziehen als das Longsleeve, dass ich seit meiner Geburtstagspause trug. Die Luft war ein Traum und ich wollte sie auf der Haut spüren. Der Halbmond war so klar zu sehen, dass ich glaubte, ihn anfassen zu können, wenn ich die Arme ausstrecken würde. Unzählige Sterne boten einen Anblick, der mich vollkommen hypnotisierte. So lief ich Runde um Runde und nahm meine Umwelt kaum wahr. Gehende Läufer mit Mütze und Handschuhen, wankende Läufer mit großen Kopfhörern und ein händchenhaltendes Pärchen, sie 12h-, er 24h-Läufer, die wie ein durch die Nacht spazierendes Liebespaar wirkten. Na gut, waren sie in dem Moment ja auch. Ich war so sehr eingetaucht in diese Nacht, in das Laufen, dass ich fast in einen Busch lief, als Andre und seine Frau mir von ihrem Auto aus zuriefen. 

Was tun?

So war ich relativ schnell bei km 75. Es war noch nicht mal drei Uhr und ich hatte mein Ziel erreicht. Was nun? Ich fühlte mich gut und wollte nicht aufhören. Allerdings war die längste Strecke, die ich bisher im Training oder überhaupt absolviert hatte etwas über 55km. Ich hatte Angst, etwas zu bereuen, Verletzungen zu riskieren. Bildete mir plötzlich Schmerzen im linken Mittelfuß und der Hüfte, meiner Schwachstelle ein. Andre schlief am Camp und wurde kurz wach, als ich eine Kleinigkeit aß. "Wie viel Kilometer hast Du jetzt? 3000?" "Haha. 80 oder so" "Bist Du noch immer zweite Frau?" Ja war ich und ehrlich gesagt wollte ich auch nicht mehr, dass sich das nochmal änderte. Der Abstand zur Drittplatzierten war groß und es war bisher so einfach gewesen. Warum jetzt einfach aufgeben, nur aus Angst davor, wie der Körper mit der Belastung umgehen würde. Wer nicht wagt, ihr wisst Bescheid. Ich entschied mich also dafür, im Rhythmus vier Runden laufen, eine Runde gehen weiterzumachen. Die Laufrunden waren immer noch relativ zügig, wie mir Garmin verriet, in den Gehrunden trank ich Tee und aß Banenenbrot. Es ging mir gut, bis km 91.

Bis hier her und nicht weiter

Dann kam alles auf einmal. Tinnitus im rechten Ohr. Mir war klar, dass das ein Zeichen von Müdigkeit war, die ich zwar nicht offensichtlich spürte, die aber nicht zu leugnen war und sich ihren Weg durch meinen offenbar erschöpften Körper suchte. Die Augen fielen immer wieder zu, beim Laufen. Mein Rücken schmerzte fürchterlich, ein stechender Schmerz in der linken Schulter, der sich langsam bis in den unteren Rücken ausdehnte und von Meter zu Meter hartnäckiger wurde. Dehnen half nicht, dann halt weiterlaufen. Die 100 km waren so nah und für die letzten neun Kilometer blieben mir noch zwei Stunden. Das würde ich mir nicht mehr wegnehmen lassen, eher kriechen als jetzt aufhören.

100km, und nun?

Ich rief Andre an, ich wusste, dass er nicht mehr schlief und auch wieder gehend auf der Strecke war. Das war nun auch mein Plan. Einfach bis zum Ende gehen. Nicht einschlafen. Nicht aufgeben. Kann denn jetzt noch was schief gehen? Ich wartete auf ihn und wir marschierten gemeinsam in die Morgendämmerung. Nebel stieg aus der Wiese in der Mitte des Batenbrockparks und bot mit rosaroten Blumen und Morgenröte ein Bild, das dem Himmel der Nacht beinahe ebenbürtig war. Es roch noch mehr nach Herbst, als am Abend zuvor und ich merkte, wie kalt mir mittlerweile geworden war. Die Laufstrecke füllte sich wieder mit Läufern, die in der Nacht geschlafen hatten und die 100km Grenze war etwa 20 Minuten vor 7 Uhr geknackt. Eigentlich hatte ich da aufhören wollen, sah da dann aber doch keinen Sinn mehr. Einfach weiterlaufen, bis der Wettkampf vorbei war. Als der Zielton ertönte, war ich voller Emotionen und doch zu müde, um nur eine davon in Worte zu fassen.

Happy Birthday, Marie!

Ein Pokal und die Finisher-Medaille als Geburtstagsgeschenk.

Auch wenn Sonntag, mein eigentlicher Geburtstag doch von müden Beinen, Rückenschmerzen und bleiender Müdigkeit begleitet war, bereue ich keine Minute, diese besondere Art gewählt zu haben, 25 zu werden. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass mein Körper in der Lage ist, 100km zu laufen und wurde eines besseren belehrt. Ich habe viele neue Leute kennengelernt, auf der Strecke und an den Verpflegungspunkten. Habe eine Nacht der absoluten Entspannung erlebt und war dem Laufen so nah, wie nie. Ich habe 9km lang gekämpft, wie bei keinem Lauf zuvor und mich ein wenig besser kennengelernt. Ich war und bin noch immer voller Dankbarkeit für eine Nacht, die ich nicht vergessen werde.

Weitere Informationen zum Bottroper Ultralauf Festival:

Text: Marie Hölting (www.marythoner.de)

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